Kernzone im BPWW
Blich in den Himmel

Fakten

2012-2015
Abgeschlossen

Grundeigentümer der Kernzonen und im Wirtschaftswald, ExpertInnen der unterschiedlichen Organismengruppen, Naturhistorisches Museum Wien, Joanneum Graz, Universität Wien, Universität Salzburg, BOKU, KFFÖ, BirdLife, AVL, Ökoteam

Biosphärenpark Wienerwald

Biodiversitätsmonitoring und Beweissicherung in den Kernzonen des Biosphärenpark Wienerwald

Mit der Ersterhebung von 13 verschiedenen Organismengruppen vorwiegend in den Kernzonen sowie auf Vergleichsflächen im Wirtschaftswald ist das Projekt nicht nur das bisher größte des Biosphärenpark Wienerwald, sondern eines der größten Monitoringprojekte in Österreich. Es soll die Entwicklung der Natur in den Kernzonen dokumentieren. Untersucht wurden Fledermäuse, Vögel, Amphibien, Landschnecken, Totholzkäfer, Laufkäfer, Spinnen, Weberknechte, Pseudoskorpione, höhere Pflanzen, Moose, Flechten und Pilze. Zusätzlich wurden die Beifänge von Mistkäfern, Wanzen und Zikaden ausgewertet. Mit den in den Jahren 2012-2014 durchgeführten Erhebungen liegt ein genau erfasster Zustand in den Kernzonen vor, der als Basis für künftige Vergleiche dient. Die Ergebnisse je Gruppe sind im Folgenden dargestellt.

Fledermäuse

Bei den Fledermäusen gelang der Nachweis von mindestens 16 Fledermausarten. Gemeinsam mit bereits vorliegenden Untersuchungen sind damit 21 verschiedene Fledermausarten für den Biosphärenpark Wienerwald dokumentiert. Dies entspricht über 80% der in Niederösterreich vorkommenden 26 Arten. Darunter sind auch einige Arten die im besonderen Maß von naturnahen Wäldern, wie sie sich in den Kernzonen entwickeln, abhängen. Durch die Aufnahmemethodik konnte bereits zum Erhebungszeitpunkt ein Trend zur vermehrten Nutzung der Kernzonenwälder durch manche Fledermausarten nachgewiesen werden.

Vögel

Für die Gruppe der Vögel wurden einerseits Verbreitungskarten von 18 ausgewählten Vogelarten erstellt, andererseits Singvogelarten sowie Spechte und Tauben erhoben. Der Weißrückenspecht als vielleicht ausgeprägtester Bewohner von Altholzbeständen (deshalb auch gerne als „der“ Urwaldspecht bezeichnet) wurde in der überraschend hohen Zahl von 15-18 Brutpaaren festgestellt, es konnten viele bereits bekannte Vorkommen bestätigt werden und einige neue entdeckt werden. Bei Halsbandschnäpper und Waldlaubsänger, beides Charakterarten des Laubwaldes und typische Bewohner in Buchenwäldern werden die bisher angenommenen Zahlen um ein Vielfaches übertroffen, bei beiden Arten brütet ein großer Teil der österreichischen Brutpopulation (ca. ein Drittel und ca. die Hälfte) im Wienerwald. Bei Mittelspecht und Hohltaube fand sich die jeweils wahrscheinlich größte Einzelpopulation Österreichs im Wienerwald mit jeweils 15-20 % des nationalen Bestandes. Die einzige Vogelart, die Grund zur Sorge bereitet, ist der Zwergschnäpper. Er wurde in beiden Untersuchungsjahren nur in einzelnen Exemplaren gefunden. Es ist wohl davon auszugehen, dass sein bisher auf 300-600 Brutpaare geschätzter Bestand weit unter dieses Niveau gefallen ist. In Niederösterreich scheint die Art weitgehend verschwunden zu sein, der Vorkommens-Schwerpunkt liegt in Wien im Lainzer Tiergarten. Vor allem die aus Naturschutzgründen relevanten Vogelarten (weil sie z.B. zu Schutzgütern des Natura 2000 Gebiets gehören) werden erwartungsgemäß in den nächsten Jahren von der Totholzanreicherung in den Kernzonen profitieren.

Amphibien

Es konnten 10 Amphibienarten, dies entspricht 50% aller in Österreich vorkommender Arten, an untersuchten Gewässern und Probeflächen im Biosphärenpark Wienerwald nachgewiesen werden. Unter den vorkommenden Arten ist vor allem der nachtaktive Feuersalamander sehr weit verbreitet und kann als die Charakterart für den Wienerwald bezeichnet werden. In den Kernzonen profitiert er vom vielen Totholz, das ihm als Versteckt dient. Über den gesamten Wienerwald betrachtet haben die Amphibien schwierige Lebensraumbedingungen. Die Anzahl an Stillgewässern dürft auf Grund der Geomorphologie gering sein, ursprüngliche Überschwemmungsgebiete und Auen entlang von Fließgewässern sind durch Flussregulierungsmaßnahmen kaum noch vorhanden.

Schnecken

In Wäldern sind Landschnecken besonders häufig anzutreffen und eignen sich sehr gut als Zeigerorganismen, sogenannte Bioindikatoren, für die Ungestörtheit des Waldbodens. Insgesamt konnten 49 Landschneckenarten nachgewiesen werden, wovon 14 ausschließlich in den Kernzonen und 2 ausschließlich im Wirtschaftswald vorkamen. Es macht den Anschein, als würden bereits rund 10 Jahre seit Außernutzungsstellung der Kernzonen der Lebensraum für Landschnecken dort besser geeignet sein. Auch hinter diesem Ergebnis könnte das vermehrt in Kernzonen vorhandene Totholz, ein wichtiger Lebensraum vieler Schnecken, als Erklärung stecken. Die Familie der Rüsselkäfer, mit 56 nachgewiesenen Arten, waren die „Hauptvertreter“ unter den 399 Käferarten die im Rahmen des Projekts bestimmt wurden. Basierend auf der Experteneinschätzung ist mit rund 570 verschiedenen Totholzkäfern im Biosphärenpark zu rechnen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Nachweis von insgesamt 15 Urwaldreliktarten gelang. Unter diesen gelten Panzers Wespenbock und der Schwarzkäfer als Urwaldrelikte im engeren Sinn. Zieht man in Ermangelung einer Österreichischen Rote Listen Artenaufstellung selbige aus Deutschland heran, so gelten 22 Arten als vom Aussterben bedroht, und eine Art für Deutschland als „ausgestorben“.

Käfer

Laufkäfer sind sowohl auf forstlicher Sicht (als Gegenspieler vieler Schädlinge) als auch aus naturschützerisch-ökologischer Perspektive (Indikatoren für den Naturschutzwert eines Ökosystems) von Bedeutung. Mit Hilfe von Bodenfallen konnten 66 Laufkäferarten festgestellt werden. Ganz unterschiedlich sind deren Häufigkeiten. Vom Schwarzen Bombardierkäfer konnten etwa über 5.000 Individuen festgestellt werden, während 13 Arten lediglich als Einzelindividuen an nur einem Standort dokumentiert werden konnte. Von besonderer naturschutzfachlicher Bedeutung sind zwei gefährdete, drei kleinräumig verbreitete sowie mehrere regional seltene Arten. Hervorzuheben sind die Nachweise von Selmanns Grabläufer, eine in Österreich endemische und im Wienerwald erstmals nachgewiesene Art sowie Pulpans Kamelläufer, ein gefährdeter Laufkäfer.

Spinnen

Von den rund 1.010 in Österreich vorkommenden Spinnenarten wurden 171 in den Wäldern des Biosphärenparks nachgewiesen werden. Der Biosphärenpark Wienerwald zeichnet sich durch artenreiche Weberknechtgemeinschaften aus. Bemerkenswert ist das enge Nebeneinander von wärme-, trockenheits- und feuchteliebenden Weberknechtarten im Untersuchungsgebiet. Aus dem Untersuchungsgebiet liegen auf Basis der aktuellen Untersuchungen in Summe 19 Weberknechtarten aus 4 Familien vor.

Auf Grund ihrer spezifischen Lebensweise in der Laubstreu, unter der Baumrinde sowie in Baumhöhlen sind auch Pseudoskorpione gute Biodindikatoren. Aus der Literatur weiß man, dass Pseudoskorpione bei Vorhandensein von Totholz bessere Nahrungs- und Lebensgrundlagen haben, da sie Räuber einer Vielzahl von kleinen Insekten bzw. auch von Milben und Asseln sind, die solche strukturreicheren Verhältnisse bevorzugen. Im Rahmen der Erhebungen gelang der Nachweis von sechs verschiedenen Pseudoskorpion-Arten.

Der Wald

Im Biosphärenpark Wienerwald sind 33 verschiede Waldtypen bekannt (österreichweit sind des derzeit 213). Die häufigste Waldgesellschaft in den Kernzonen des Biosphärenparks ist der im Flyschwienerwald dominierende Waldmeister-Buchenwald, gefolgt vom im Karbonatwienerwald vorherrschenden Zyklamen-Buchenwald. Die artenreichsten Waldtypen stellen die wärmeliebenden Eichenwälder mit bis zu 62 Gefäßpflanzen auf 400m² (Flächengröße einer Vegetationsaufnahme). Ähnlich hohe Artenzahlen finden sich etwa auch in artenreichen Halbtrocken- und Trockenrasen. Sehr deutliche Unterschiede in der Artenzahl der Gefäßpflanzen existieren zwischen basenreichen und bodensauren Wäldern. Finden sich in den Wäldern über Flysch zumeist nur wenige Gefäßpflanzenarten, diese aber oft in hoher Dichte, sind die Wälder über Dolomit und Kalk zumeist sehr artenreich. Insgesamt konnten 390 verschiedene Gefäßpflanzen im Rahmen der Untersuchungen nachgewiesen werden.

Moose

Bei der Erhebung der Moose wurden parallel zum Biodiversitäsmonitoring auch andere Erhebungen durchgeführt, weshalb die Ergebnisse ebenso Offenland beinhalten. Es sind im Biosphärenpark 268 verschiedene Arten nachgewiesen, 58 davon sind in den Roten Listen Niederösterreichs als gefährdet gelistet. In den Kernzonen wurden 154 Arten (davon 18 Rote Listen Arten) gefunden. Es zeigte sich, dass vor allem Felsanteil/Fläche, Geologie, Hangneigung, Schuttanteil/Fläche, Seehöhe, Deckung der Strauchschicht und das Alter der Bestände signifikante Zusammenhänge mit dem Moosvorkommen haben.

Flechten

Bei den Flechten ist das auffälligste Ergebnis die Tatsache, dass es etliche Aufnahmepunkte in Kernzonen als auch im Wirtschaftswald gibt, an denen keine einzige epiphytische Flechte aufgefunden werden konnte. An den meisten Untersuchungspunkten ist der Bewuchs mit Algen an den Borken stark ausgeprägt, was auf einen hohen Eintrag von Stickstoffverbindungen hinweist. Auffällig ist die Tatsache, dass es in den an das Wiener Becken grenzenden Punkten eine Inversionsobergrenze gibt, oberhalb derer sich der epiphytische Flechtenbewuchs schlagartig in der Biodiversität und der Abundanz ändert. Hier steigt die Artenzahl sprunghaft an. Unterhalb der Inversionsobergrenze ist die Abundanz der Makrolichenen gering. Die meisten der auftretenden Makrolichenen zeigen deutliche Schädigungsbilder.

Pilze

Pilze spielen insbesondere in der Remineralisierung (Wiederverwertung toter organischer Substanz) und als Mykorrhizapilze (wichtig für die Nährstoffstoffversorgung der Bäume) eine Rolle. Im Zuge der Aufnahmen konnten rund 800 Pilzarten nachgewiesen werden. Dies entspricht rund einem Zehntel der für Österreich bekannten Arten. Beachtlich, es gelangen 17 Erstfunde für Österreich, sowie zahlreiche weiter Erstfunde für Niederösterreich, Wien und den BPWW. Es wurden drei Arten wiederentdeckt, die Anfang des 20. Jahrhunderts im Gebiet des heutigen BPWW erstbeschrieben worden waren, seither jedoch verschollen waren (eine im Gebiet des BPWW, zwei weitere österreichweit). Einige weitere Funde konnten noch nicht eindeutig einer beschriebenen Art zugeordnet werden, weder morphologisch noch auf Basis von DNA-Daten. Ob es sich dabei um unbeschriebene Arten handelt wird noch abgeklärt. Mistkäfer (Geotrupidae) wurden als Beifänge erfasst und auf Artniveau ausgewertet. Es konnten zwei Arten nachgewiesen werden, der Waldmistkäfer und der Frühlingsmistkäfer. Von ersterer Art wurden 2044 und von zweiterer 486 Individuen erfasst.

Wanzen

Es wurden 63 Wanzenarten nachgewiesen, dies entspricht etwa 8% der niederösterreichischen Wanzenfauna. Bei diesen Ergebnissen gilt es insbesondere zu berücksichtigen, dass die Wanzen als Beifänge ausgewertet wurden und keine (wald-) spezifische Erhebungsmethodik zum Einsatz kam. Faunistisch herausragend ist der erste österreichische Fund von Xyloecocoris ovatulus (Fam. Anthocoridae). Von dieser Art gelang der erst sechste Fund weltweit!

Zikaden

Unter den Zikaden konnten 30 verschiedene Arten bestimmt werden. Auch hier gilt es zu bedenken, dass keine (wald-) spezifische Erhebungsmethodik verwendet wurde, sondern Beifänge ausgewertet wurden. Obwohl für die naturnahen, zum Teil pannonisch getönten Wälder des Biosphärenparks ein relativ hoher Anteil gefährdeter Arten zu erwarten war, konnten – vermutlich aufgrund der für Zikaden suboptimalen Nachweismethoden– mit der xerothermophilen Weinbergsblutzikade Cercopis arcuata und der an Ulmus minor lebenden Ulmenlederzikade Iassus scutellaris nur zwei stark gefährdete Arten nachgewiesen werden.

Zusammenfassung

Durch die nun vorliegenden Erstaufnahmen können in Zukunft wichtige Informationen zur Entwicklung der Artenvielfalt, aber auch zu etwaigen Veränderungen der Lebensräume in Kernzone und Wirtschaftswald gewonnen werden.

Bei der Interpretation der angeführten Artenzahlen bzw. dem Vergleich mit für größere Regionen vorliegenden Funddaten gilt es zu bedenken, dass die Untersuchungen im Rahmen des Biodiversitätsmonitorings ausschließlich in Wäldern durchgeführt wurden. Die Anzahl an Probepunkte je Organismengruppe variierte ebenfalls. Dem Projekt wurde ein eigener Band (Nr. 25, Jahr 2014) aus der Reihe Wissenschaftliche Mitteilungen aus dem Niederösterreichischen Landesmuseum gewidmet. Die Ergebnisse flossen zusätzlich in die kostenlos erhältliche, biosphärenparkeigene Publikation Wälder im Wienerwald ein. Die Endberichte können außerdem von der Homepage des Biosphärenpark Wienerwald Managements heruntergeladen werden.

Informationen zur Finanzierung

LE-Fonds: EU, BMLFUW, Land NÖ, Land Wien
Land NÖ - RU2 Abteilung für Raumordnung und Regionalpolitik
Biosphärenpark Wienerwald

LE-Förderlogo NÖ
LE-Logo Wien 14-20
Logo Naturland NÖ
Logo Umweltmusterstadt Wien

Kontakt